Ein Jahr Fotografie. Ein Résumé.

Posted on 12. April 2010

4


Seit gut einem Jahr gehöre ich nun zur Horde jener etwas seltsam anmutenden Zeitgenossen, die, mit einer fetten Kamera bewaffnet, auffällig unauffällig durch die Gegend hirschen (Studiofotografie ist nicht so meins), um die vielen atemberaufbenden Motive, die sich vor ihrer Linse auftun, als Geschenk für die Nachwelt auf Film zu bannen. Oder, wenn’s ein bisserl weniger retro sein darf, auch nur auf eine ordinäre Speicherkarte.

Wie lautet nun mein Kurzrésumé? Wie sehe ich das Thema Fotografie nach meinem ersten (unbezahlten) Lehrjahr?

Ich versuch’s mal:

1. Fotografen sind Techniker. Und manchmal auch Ästheten. Ich nehme mich in dieser Hinsicht überhaupt nicht aus: Auch ich habe mich zum Kauf einer Kamera hinreißen lassen, die weit mehr Stücke spielt, als ich jemals brauchen werde; auch ich besitze mehr Objektive als nötig (- von den beiden Festbrennweiten könnte ich durchaus auf eine verzichten); auch ich habe Presets installiert, die ich niemals nie auf ein Foto anwenden werde. Aber mittlerweile darf ich behaupten, dass ich mich diesbezüglich in Bescheidenheit übe – aus Überzeugung. Weil mir klar geworden ist, dass ich durch den Einsatz von mehr Technik nicht unbedingt mehr Gefallen an meinen Bildern finde; dass uns Technik oft nur als willkommene Ablenkung vom eigentlichen Problem, nämlich der eingehenden Beschäftigung mit sehenswerten Motiven, dient; und, ganz banal, dass ich ganz einfach keine Lust verspüre, für die Ausübung eines Hobbies ein zentnerschweres Marschgepäck mitschleppen zu müssen…

2. Das Internet ist ein Segen. Aber auch ein Fluch. Für einen Möchtegernfotografen wie mich ist das Internet zunächst mal eine Goldgrube, ein gigantischer Informationspool, ein Quell der Inspiration, der niemals zu versiegen scheint. Es gibt praktisch kein Problem, das nicht schon ein dutzend Mal abgehandelt, es gibt kein Motiv, das nicht schon ein dutzend Mal abgebildet worden wäre. Mit diesem Wissen, mit diesen Erfahrungen lassen sich die eigenen Startschwierigkeiten, lässt sich die eigene Ideenlosigkeit schnell überwinden. Aber irgendwann beginnt sich unweigerlich ein Gefühl der Sättigung einzustellen: Puuh, schon wieder ein Artikel, der das optimale Blitz-Setup beschreibt… Puuuh, schon wieder ein Tutorial zum Thema Beauty-Retusche… Und vor allem: Puuuuh, soll ich wirklich schon wieder einen freistehenden Baum auf einem öden Acker fotografieren…? Manchmal wünsche ich mir, ich würde in der Prä-Internet-Ära leben, in der Steinzeit also. Einfach um unbelastet an das Thema Fotografie herangehen zu können, um nicht durch die ständige Vergleicherei auf das eigene Unvermögen hingewiesen zu werden, um nicht ständig lesen zu müssen, wie gute Bilder nicht auszusehen haben. Um diesem selbstreferentiellen System irgendwie entkommen zu können.

3. Die Fotografie ist gnadenlos. Und voller schöner Überraschungen. Eine Millisekunde zu spät abgedrückt, eine zu weit geöffnete Blende gewählt, den Fokuspunkt um einen Zentimeter falsch gesetzt – und schon ist das Bild im Eimer. Oder besser gesagt: Und schon entspricht das Ergebnis nicht mehr der weitläufigen Vorstellung von einer schönen Fotografie. Umgekehrt habe ich es immer wieder erlebt, dass Aufnahmen, von denen ich mir absolut nichts erwartet habe, absolut faszinierend waren. (Für mich jedenfalls.) Auch und vor allem dann, wenn sie nicht dem Ideal entsprochen haben. (Wenn ich den Begriff Goldener Schnitt nur schon höre…) Früher, wie Zeit und Muse noch keine Mangelerscheinung waren, habe ich viel gezeichnet, gemalt, illustriert. Damals musste ich mir Resultate noch viel härter abringen; heute, mit einem Fotoapparat, hilft der Zufall viel stärker mit, funktioniert vieles ungeplant, fast schon nebenbei.

4. Die Digitaltechnik hat das Fotografieren erschwinglich gemacht. Aber auch zur Entwertung des einzelnen Bildes geführt. Vor langer Zeit hatte ich mir mal eine analoge Spiegelreflex gekauft. Nachdem ich aber noch Student und mein finanzieller Spielraum deshalb äußerst begrenzt war, hab ich mich bei jedem Motiv gefragt, ob ich den Auslöser tatsächlich drücken soll – ob das Motiv die Entwicklungskosten tatsächlich wert ist. Dies war auch einer der Gründe, warum ich das Abenteuer Fotografie damals recht schnell wieder aufgegeben habe. (Nach drei Filmen, um genau zu sein.) Heute sind natürlich immer noch die (hohen) Anschaffungskosten zu berappen – aber dann gibt es kaum mehr etwas, das der Maßlosigkeit Einhalt gebieten würde. Wir pflastern unsere Festplatten voll, bearbeiten die Bilder in Form von Batch Jobs und schieben sie gleich anschließend in unseren Flickr Stream. Wir produzieren einen unglaublichen Output – lassen aber damit der einzelnen Aufnahme kaum mehr Bedeutung zukommen. Wir nehmen uns kaum mehr Zeit, um Bilder auf uns wirken zu lassen, genießen kaum mehr das, was wir bereits erreicht haben. Lieber lassen wir uns irremachen vom nächsten Trend, den wir nicht verpassen dürfen.

5. Wir haben schon alles gesehen. Und streben trotzdem nach dem noch nie Dagewesenen. Jedes Gerät hat heutzutage eine Aufnahmefunktion; wir haben längst alle geografischen Grenzen überwunden; und auch alle moralischen Schranken, die uns bislang vor dem Ablichten bestimmter Situationen zurückgehalten haben, scheinen mittlerweile gefallen zu sein. Aber dennoch gewinnt man, wenn man sich eingehend mit dem Thema Fotografie auseinandersetzt, den Eindruck, dass die meisten jener Menschen, die ambitioniert fotografieren, vor allem von einem Gedanken geleitet werden: eine Aufnahme zu machen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Die Leistungsgesellschaft scheint auch vor der Kreativität, vor der Kunst keinen Halt zu machen. Kaum ein Bild kann für sich allein bestehen, immer muss es sich an anderen messen.

Schluck. Eigentlich wollte ich mich kurz halten. Aber nachdem das gesprochene bzw. geschriebene Wort ohnehin stiefmütterlich behandelt wird, wenn es um das Thema Fotografie geht, lasse ich einfach mal den ganzen Sermon stehen.

Und in einem Jahr gibt’s erneut einen Rückblick. Heh.

Advertisements
Posted in: Allgemein