Heinrich Kühn und die vollkommene Fotografie

Posted on 21. Juli 2010

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Um noch mal den Faden von meinem letzten Beitrag aufzunehmen: Jim Rakete pflegt ein distanziertes Verhältnis zum digitalen Medium, weil es nachträgliche Korrekturen nicht nur vereinfacht, sondern fast schon zur Manipulation einlädt. Und weil durch diese Manipulation die Fotografie ihre Funktion einer Referenz für Wahrheit und Wirklichkeit zusehends einbüßt.

Das ist bestimmt richtig, das möchte ich auch überhaupt nicht anzweifeln; natürlich verschiebt sich der Schwerpunkt seit dem Aufkommen von Digitalkameras zusehends in Richtung Nachbearbeitung. Ich sehe allerdings nicht, warum es mit einer analogen Kamera eher möglich sein soll, „wahrheitsgetreue“ Eindrücke zu sammeln…

Mit der Digitaltechnik werden dem Fotografen wesentlich mehr Möglichkeiten für die Bearbeitung von Bilder an die Hand gegeben. Es handelt sich aber definitiv um Möglichkeiten – er kann, muss sie aber nicht nutzen. (Genauso wie er sich vor dem Drücken des Auslösers keine oder aber auch sehr viele Gedanken über das angestrebte Resultat machen kann.)

Warum man also nur deshalb nicht auf digitale Technik umsteigt, weil man dadurch seinen Wahrheitsanspruch gefährdet sieht, erschließt sich mir nicht ganz.

Dass das Manipulieren von Fotografien aber schon seit jeher, also lange vor der Etablierung von Digitalkameras, sehr skeptisch betrachtet worden ist, lässt sich gut am Beispiel von Heinrich Kühn erkennen. Kühn hat durch den Einsatz von speziellen Techniken, wie den von ihm perfektionierten Gummidruck, die fotografische Oberfläche so lange verfremdet, bis das Ergebnis einer Malerei ähnlich gesehen hat. Dass dadurch alle Konturen und Details im technisch hergestellten Bild verschwanden, wurde von der Medientheorie lange als Defizit gesehen.

Dass die Wiener Albertina eine aktuelle Ausstellung mit Bildern Kühns mit „Die vollkommene Fotografie“ betitelt, ist vielleicht schon wieder bezeichnend.

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